Neben Events, Models, Interviews und vielem mehr möchten wir euch auch andere künstlerische Formen des Latex-Lifestyles vorstellen. Da Literatur zum Thema Latex eher spärlich vertreten ist und Latex-Romane kaum existent sind, ist die Thematik (wenn überhaupt) vor allem in zahlreiche BDSM-Bücher eingelassen. Kaum aber findet man Texte, die nicht nur literarisch gut verfasst sind, sondern auch zum Träumen einladen.
Mit der nachfolgenden Kurzgeschichte von Felice Siana möchten wir das jedoch ändern und euch einen ersten Vorgeschmack geben.
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Ich schaue in den Spiegel. Die Frau, die mir entgegenblickt, wirkt fremd. Strenger, von Kajal umrandeter Blick, die Lippen rot ausgemalt. Meine Hände fühlen sich ebenso ungewohnt an, sie sind ölig, streichen über meine Hüften, massieren das Silikonöl ins Latex, dass meine Rundungen fest umspannt. Gedankenverloren verrichten sie ihre Aufgabe.

Als ich das Kleid eben aus dem Schrank holte, spukten mir Splitter von den Musikmagazinen, die ich als Teenie so fasziniert gelesen hatte, durch den Kopf. Damals begann dieser Look mich zu faszinieren. Ein Körper in Latex war für mich fortan automatisch ein schöner Körper. Nun verwandle ich mich selbst in eine dieser Schönheiten. Ich drehte das Kleid in meinen Händen, betrachtete es neugierig. Schon stieg mir der typische Gummigeruch entgegen. Ich atmete tief ein, sog mehr Luft in die Lunge und erste Aufregung machte sich breit. Wie es da auf dem Bügel hing, fiel es mir noch schwer, mir den erotischen Reiz dahinter vorzustellen. Und so nahm ich es in die Hände, raffte den Stoff, hob die Arme und zwängte erst diese, dann meinen Kopf durch die enge Öffnung. Das Latex gab sein typisches Quietschen von sich, als ich die Arme senkte und es Zentimeter um Zentimeter nach unten streifte, immer wieder weitete und auf meinem Körper aufliegen ließ. Mit jeder Dehnung und Reibung des Latex‘ an meinen Brüsten ein weiteres leises Quietschen. Dann endlich lag es faltenlos ganz dicht an meinem Busen und passte sich dessen Form an. Ich atmete kurz durch, bevor ich auch meinen Po und die Oberschenkel eng von dem weichen Material des Kleids umschließen ließ.

Nun, da meine Haut darunter verborgen ist und das Latex meine Körpertemperatur angenommen hat, beginne ich mich wie ein anderer Mensch zu fühlen. Nachdem ich die letzten Falten weggestrichen habe, schließt mich das Kleid wie eine zweite Haut ein. Meine Hände fühlen sich unglaublich sinnlich an, wie ich den Latex wieder und wieder hinab streiche, ich nutze ein Tuch, um maximalen Glanz zu erreichen. Ich will möglichst gründlich sein. Die Welt soll sich auf mir spiegeln. Ich fahre die Nähte des Kleids herauf und streiche die Flüssigkeit in Richtung meiner Brustwarzen aus. Es wäre nicht nötig, aber ich tu’s noch einmal. So gut es geht, verrenke ich mich, auch meine Rückansicht soll glänzen. Selbst mein Po, den ich sonst nicht besonders mag, wirkt in dem Kleid wohlgeformt. Als ich wieder geradeaus blicke, kommt mir die Frau im Spiegel noch immer fremd, dafür aber extrem sexy vor. Zufrieden betrachte ich mich. Unwillkürlich halte ich mich ganz gerade. Ich ziehe den Mantel über und schnappe mir meine Tasche von der Kommode, stecke die Schlüsselkarte hinein und laufe mit kurzen Schritten Richtung S-Bahn. Ich erwarte, einige neugierige Blicke auf mich zu ziehen, doch kaum einer beachtet mich. Die Menschen sind mit sich selbst beschäftigt und die Bahn voll. Wie gut, dass es nur wenige Stationen sind.

Ich öffne den Mantel und werde herein gewunken. Drin ist es stickig. Ich hänge den Mantel sicher in die Garderobe, hier werd ich ihn nicht brauchen, denn in meinem Kleid ist mir schon so sehr warm.

Flachbrüstige Elfen in einem Anzug aus Netz tanzen im Neonlicht. Models mit zerrissenen Netzstrümpfen, Hotpants und derben Stiefeln. Ihre muskulöse Brust zuckt nackt im Rhythmus der Bässe. Blasse Frauen mit dunklem Haar, hohen Plateaustiefeln und einer schwarzen, glänzenden Haut. Schlaksige blonde Männer mit nicht minder kurzer Mähne, auch sie ganz in Schwarz. Ein plüschiges Einhorn schlackst an mir vorbei. Ein beleibter Spitzbart unter knallig geschminkten Lippen. Seine Lider zieren rosa Strasssteinchen. Verlegen senkt er die langen Wimpern. Sein Petticoat dreht sich. Zwei Frauen sind im Kuss versenkt. Ein strenges Gesicht schaut zwischen Kunstleder und Spitze hervor. In seinen Handschuhen liegt demonstrativ eine Kette. Zu seinen Füßen sein bloßer Sklave mit Halsband und String.

Ich ordere ein Bier, Schweiß sammelt sich, bildet einen Film zwischen Haut und Latex. Ich beobachte das bunte Treiben, begebe mich mitten hinein und werde ein Teil davon.

Autorin: Felice Siana @feli.si.ana

Model: @amanda.obscura
Pic by: @art_of_dark_photos